Drei Millionen verkaufte Einheiten innerhalb weniger Wochen. Ein echter Anwärter auf den Titel „Game of the Year“. Und jetzt drohen Entlassungen.
IO Interactive, das Studio hinter Hitman und dem kürzlich veröffentlichten 007 First Light, hat bestätigt, dass sich Xbox aus einem Publishing- und Finanzierungsvertrag für das kommende Fantasy-RPG, das derzeit unter dem Titel Project Fantasy läuft, zurückgezogen hat. Die Nachricht verbreitete sich am 30. Juni, als IO Interactive auf X postete, dass „die Zusammenarbeit mit einem externen Partner an unserer eigenen IP, Project Fantasy, beendet wurde“, ohne dabei Microsoft oder Xbox direkt beim Namen zu nennen. Bloomberg bestätigte daraufhin, dass Xbox der ungenannte Partner war.
Vom GOTY-Hype zur Budget-Unsicherheit
Das Timing ist denkbar ungünstig. IO Interactive kündigte Project Fantasy bereits 2023 an und signalisierte damit einen großen kreativen Wandel weg von der für das Studio typischen Stealth-Formel. Anders als Hitman oder 007 First Light war Project Fantasy nie als Self-Publishing-Titel geplant. Xbox war als Geldgeber und Distributor für das Spiel vorgesehen, das lange Zeit als Xbox-Exklusivtitel gehandelt wurde.
Dann erschien 007 First Light im Mai und wurde sofort zu einem der meistdiskutierten Spiele des Jahres, mit 3 Millionen verkauften Einheiten in nur wenigen Wochen. Das Studio schien unantastbar. Jetzt, weniger als zwei Monate später, warnt IO Interactive vor „personellen Entscheidungen“ und verspricht, die betroffenen Mitarbeiter während des Übergangs zu unterstützen.
Was Xbox tatsächlich sagte
Ein Xbox-Sprecher äußerte sich zu der Situation mit einer Wortwahl, die jedem bekannt vorkommen dürfte, der die jüngsten Schritte des Unternehmens verfolgt: „Wir reduzieren nicht unsere Gesamtinvestitionen in Spiele. Was sich ändert, ist, wo wir investieren und welche Art von Projekten wir unterstützen.“
Der Punkt ist: Diese Darstellung wirkt anders, wenn man den breiteren Kontext betrachtet. Das Geschäftsjahr von Xbox endete am 1. Juli, und für diesen Monat werden Massenentlassungen in mehreren Studios erwartet. Compulsion Games und Undead Labs stehen Berichten zufolge beide vor der Schließung. Die Situation bei IO Interactive passt in das Muster, dass Xbox sich von Third-Party-Publishing-Verpflichtungen zurückzieht und neu bewertet, welche Projekte grünes Licht erhalten.
Project Fantasy stellte eine bedeutende Wette auf eine neue IP von einem Studio dar, das keine Erfahrung im RPG-Bereich hat. Genau das ist die Art von spekulativer Investition, von der sich Xbox derzeit offenbar abwendet.
Die Position von IO Interactive für die Zukunft
Das Studio hat Optionen, auch wenn keine davon einfach ist. Self-Publishing hat bei 007 First Light funktioniert, und der kommerzielle Erfolg dieses Spiels verschafft IO Interactive bei zukünftigen Partnerverhandlungen echten Hebel. Die Frage ist, ob Project Fantasy in der Entwicklung weit genug fortgeschritten ist, um schnell einen neuen Publisher zu finden, und ob das Studio die finanzielle Lücke zwischen jetzt und dem Abschluss eines neuen Vertrags überbrücken kann.
Was die meisten Spieler in solchen Situationen übersehen, ist der menschliche Preis, bevor die Schlagzeilen die Runde machen. „Personelle Entscheidungen“ ist die Konzernsprache für Menschen, die ihren Job verlieren, und das geschieht bei einem Studio, das gerade eines der größten Spiele des Jahres abgeliefert hat.
IO Interactive hat schon früher schwierige Publisher-Beziehungen gemeistert, nachdem sie in früheren Kapiteln ihrer Geschichte von Square Enix und Warner Bros. verbrannt wurden. Das Studio hat beides überlebt. Der Weg für Project Fantasy ist gerade schwieriger geworden, aber IO Interactive hat sich genug Goodwill und kommerziellen Erfolg erarbeitet, um weiter dafür zu kämpfen.
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